Wiederherstellung: Am Anfang war die Nase
Das Streben nach Vollkommenheit und ewiger Jugend ist so alt wie die Menschheit selbst, der Traum vom perfekten Körper keineswegs ein Phänomen allein unserer Zeit. Jung und schön bleiben wollen von jeher Menschen aller Kontinente. Die Suche nach dem legendärem Jungbrunnen ist bis heute nicht von Erfolg gekrönt. Kein Wunder, dass die Menschen schon früh versuchten, der Natur auf medizinischem Wege ein Schnippchen zu schlagen. „Schönheitsoperationen“ im heutigen Sinne waren die ersten dokumentierten Versuche, den Körper künstlich zu verschönern jedoch nicht. Ziel war es vielmehr, durch Krankheiten oder Menschenhand hervorgerufene Makel wiederherzustellen. Dabei stets im Mittelpunkt: Das Organ, das automatisch alle Blicke auf sich zieht, die Nase. Mit ihr beschäftigte sich als erster der indische Arzt Sushruta. Er operierte im siebten Jahrhundert vor Christus per Gesetz verurteilte Diebe und Ehebrecher, denen ihr Riechorgan zur Strafe amputiert worden war. Sushruta half, indem er Hautlappen aus der Stirn (medizinisch: Stiellappen) mit Hilfe eines blutversorgenden Gefäßstiels aus dem Nasen-Augenwinkel zu einer provisorischen Nase formte. Der Eingriff erfolgte ohne Betäubung und Desinfektion – aus heutiger Sicht eine Horrorvorstellung. Man kann davon ausgehen, dass jede gelungene Operation dieser Art mit einer Fülle von misslungenen erkauft wurde. Um wieder dem von der Gesellschaft akzeptiertem Menschenbild zu entsprechen, nahmen die sozial Geächteten die schmerzhafte und gefährliche Prozedur billigend in Kauf.
Dank reisender Ärzte fand die indische Methode über Persien und Griechenland den Weg nach Europa und wurde im 15. und 16. Jahrhundert von den italienischen Ärzten Branca und Tagliacozzi weiterentwickelt. Sie benutzten Wangen- und Oberarmgewebe, um neue Nasen zu konstruieren. Wie bei den Anfängen im alten Indien waren die Kunden meist sozial Ausgegrenzte, besonders Syphillis-Kranke. Die sexuell übertragbare Syphillis breitete sich zur damaligen Zeit epidemienartig aus. Als eine Folge der Krankheit zersetzte sich die Nasenscheidewand, so dass die vermeintliche Sünde regelrecht ins Gesicht geschrieben stand. Durch eine Nasen-OP erhofften sich die Betroffenen eine Rückkehr in die von starren Moralvorstellungen bestimmte Gesellschaft. Oft machte dabei die Religion der Medizin einen Strich durch die Rechnung: Sie betrachtete alle Krankheiten als gottgewollt und verbot vieles, was rein technisch bereits machbar war. Keine ruhmreichen Zeiten für Mediziner: Diejenigen, die sich im Wiederherstellen von Nasen versuchten, mussten auf der Hut sein, dass ihr Werk nicht als „Teufelskunst“ gegen Gottes Willen angeprangert wurde. Nicht umsonst wurde Tagliacozzi – heute gerühmt als einer der Urväter der modernen plastischen Chirurgie – nach seinem Tod in ungeweihter Erde vor den Toren seiner Heimatstadt Bologna verscharrt. Tagliacozzi war seiner Zeit weit voraus, schon 1597 verwies er auf den Zusammenhang zwischen Körperbild und Psyche: „Wir bauen auf und stellen wieder her und machen ganze Teile des Gesichts, die die Natur gegeben und das Schicksal fortgenommen hat, nicht nur zur Freude des Auges, sondern um den Geist aufzurichten und der Seele des Betroffenen zu helfen.“